Die Müsersiedlung ( Kolonie Gneisenau )
Obwohl vor dem 20. Jahrhundert, an der Gerwinstraße, im Bohrloch Bergarbeiterhäuser, und verstreut über das Derner Gebiet, vor allen entlang der Bahnhofstraße, der Wilhelm und der Friedrichstraße Beamten und Hypothekenhäuser entstanden, und 1903 mit dem Bau des Klosters begonnen wurde, kann man erst mit dem Beginn der Kolonie Gneisenau vom Kolonialbau in Derne sprechen.
Die Kolonie Gneisenau, die heute den Namen Gneisenau trägt, weicht von der Vorstellung, die man von einer auf dem Reißbrett geplanten Siedlung, so wie wir es von der Grunewaldsiedlung in Scharnhorst oder von der Kolonie Oberbecker in Lünen-Süd kennen, erheblich ab. Dem Betrachter vermittelt sie ein Bild der Unvollständigkeit, des Zufälligen und Planlosen. Der Grund liegt darin, dass der Siedlungsbau in Derne nicht kontinuierlich betrieben wurde. Die Kolonie Gneisenau entstand erst nach und nach in einer Bauzeit von fast 30 Jahren. Sie bildet so eine Aneinanderreihung von Siedlungsteilen, in denen sich die jeweils verschiedenen zeitgenössischen Elemente des Arbeiterwohnungsbau`s widerspiegeln. Dem Fehlen eines konsequent betriebenen Siedlungsbaus ist es zu verdanken, dass die Siedlung heute einen hohen dokumentarischen Wert darstellt.
In der Müserstraße, der Glückstraße und im Einmündungsbereich des Goesebrinks sind gartenstädtische Vorbilder, wenn auch nur ansatzweise verwirklicht, so doch unverkennbar: Leichte Zurücknahme einiger Häuser aus der Baufluchtlinie, Baumbestand mit Alleencharakter, Vorgärten und großzügige Nutzgärten. Der Wohnungsgrundriss mit vier Zimmern, einer Spülküche, Abort und Stall entsprach für die damaligen Verhältnisse einer hohen Wohnqualität. Der Grund und Aufriss der Zweifamilienhäuser sind mit manchem Haustyp Kruppscher Kolonien fast identisch.
In der Müserstraße sind sieben Haustypen anzutreffen, deren Architektur in der Variation der Dachform, Walm – Krüppelwalm oder Satteldach, und Gestaltung der Hauseingänge besteht.
Die Vierfamilienhäuser erscheinen optisch als eine Aneinanderreihung von zwei Zweifamilienhäusern.
Im Vergleich zum Kloster wurde bei den Bauten in der Müserstraße auf architektonischen Zierrat und jedwede Ornamentik verzichtet. Die Gestaltungsmaxime des Deutschen Werkbundes „das Streben nach dem Echten, Einfachen, Sachlichen“ findet hier seinen Ausdruck.
Der Kruppsche Wohnungsgrundriss als auch die Gestaltung der Außenanlagen geben diesem Teil der Siedlung einen gutbürgerlichen Anstrich, ganz nach der Maxime von Alfred Krupp, „den gehobenen Arbeiterstand bürgerlich zu bewahren vor dem Verproletarisieren in den alten Arbeitervierteln.“
In der Bogenstaße, mit deren Bau drei Jahre später begonnen wurde, ist auf Prinzipien gartenstädtischer Werkssiedlungen völlig verzichtet worden. Die Bogenstraße weist eine höhere Bebauungsdichte auf, die Gärten sind stark verkleinert, so dass die Sicherung des Lebensunterhalts durch Anbau von Gemüse und Halten von Vieh eingeschränkter war. Daher musste auch den Bewohnern der Bogenstraße oft zusätzliches Pachtland genutzt werden. Bei den Vier-Zimmer-Wohnungen ist im Vergleich zur Müserstraße das Raumangebot erheblich reduziert worden. Haben die Wohnungen in der Müserstraße noch eine Größe von durchschnittlich 71 m², so beträgt die durchschnittliche Wohnungsgröße in der Bogenstraße nur noch 57 – 61m².
Die so genannten D-Züge in der Bogenstraße bilden bereits den Übergang zum Geschosswohnungsbau. Was sich eigentlich erst aufgrund der wirtschaftlich schlechten Lage nach dem ersten Weltkrieg zum bestimmenden Prinzip im Arbeiterwohnungsbau durchsetzte, scheint hier vorweggenommen.
Mit dem weiteren Ausbau der Kolonie nach dem ersten Weltkrieg setzte sich die in der Bogenstraße begonnen Tendenz „Reduzierung auf das absolut Notwendige“ mir dem Bau der Baracken fort, hier allerdings unter Verzicht auf jedwede Gestaltung des Straßenraums. Es scheint, als wären die Häuser Harzer Bergmannshäuser nachempfunden: der Sockel bestand aus unverputzten Ziegelsteinen, der obere Hausteil war mit schwarz geteerten Brettern verschalt. Im zweiten Weltkrieg erlitten die Baracken große Schäden und wurden als Putzbauten wieder hergerichtet. Von der Wohnqualität in der Müserstraße bleiben der eigene Wohnungseingang und der kleine Garten übrig. Das Prinzip der strickten Beschränkung der Wohnungsqualität erfährt beim Bau der vier Sechsfamilienhäuser im Goesebrink eine geringfügige Rücknahme.






